Nicht nur Form: Das Urteil Nr. 24617/2025 und die Weiterentwicklung der Garantenstellung des Sicherheitskoordinators am Arbeitsplatz

Die Sicherheit am Arbeitsplatz ist in unserer Rechtsordnung von höchster Priorität und wird durch ein komplexes Regelsystem geschützt, das darauf abzielt, Unfälle und Berufskrankheiten zu verhindern. Im Zentrum dieses Systems, insbesondere auf Baustellen, steht die Figur des Koordinators für die Ausführung der Arbeiten (CSE), ein Fachmann, dem die heikle Aufgabe anvertraut ist, die Anwendung von Präventions- und Schutzmaßnahmen zu überwachen. Doch wie weit reicht seine Verantwortung wirklich? Eine aussagekräftige Antwort liefert der Oberste Kassationsgerichtshof mit dem Urteil Nr. 24617 vom 28.05.2025, das die Grenzen der "Garantenstellung" dieser Figur weiter umrissen und einen substanziellen Ansatz zur Sicherheit betont hat.

Die Entscheidung, erlassen von der Vierten Strafkammer und mit Dr. P. V. als Berichterstatter und Verfasser, wies die Berufung zurück und bestätigte die Entscheidung des Berufungsgerichts von Lecce. Der Fall betraf den Angeklagten B. V. P. und bot die Gelegenheit, einen Grundsatz im Bereich der Arbeitsunfälle zu bekräftigen.

Das Herzstück des Urteils: Die Leitsatzentscheidung und ihre Bedeutung

Der Oberste Kassationsgerichtshof hat mit dieser Entscheidung einen Rechtsgrundsatz festgelegt, der den Umfang der Pflichten des Sicherheitskoordinators unmissverständlich klärt. Hier ist der Leitsatz, der den Kern der Entscheidung zusammenfasst:

Im Bereich der Arbeitsunfälle beschränkt sich die Kontrollaufgabe des Sicherheitskoordinators für die Ausführung der Arbeiten hinsichtlich der Eignung des Sicherheitsbetriebsplans (POS), der die Arbeitsweise einer Höhenarbeit nicht vorsieht, nicht auf dessen formale Richtigkeit und die abstrakte Machbarkeit einer solchen Arbeit mit den dort angegebenen Mitteln, sondern erstreckt sich auf die Prüfung der Kompatibilität einer solchen Arbeit mit den konkreten Merkmalen der bereitgestellten Werkzeuge und der vom Unternehmen getroffenen Schutzmaßnahmen.

Diese Aussage ist von größter Bedeutung. Traditionell wurde die Figur des Sicherheitskoordinators oft als bloßer Prüfer der dokumentarischen Konformität wahrgenommen, d.h. der formalen Korrektheit von Sicherheitsbetriebsplänen (POS) oder Sicherheits- und Koordinierungsplänen (PSC). Das Urteil Nr. 24617/2025 unterstreicht jedoch, dass die Rolle des CSE weit über die bürokratische Prüfung hinausgeht. Der Koordinator muss zu einer substanziellen und konkreten Bewertung der Sicherheitsmaßnahmen übergehen. Es reicht nicht aus, dass ein POS formal korrekt ist oder die Verwendung bestimmter Werkzeuge vorsieht; es ist unerlässlich, dass der CSE prüft, ob diese Werkzeuge tatsächlich geeignet sind und ob die Schutzmaßnahmen für die spezifischen vorgesehenen Arbeitsweisen, insbesondere bei Hochrisikoarbeiten wie Höhenarbeiten, konkret angemessen sind.

Von der Form zur Substanz: Die erweiterte "Garantenstellung"

Der vom Kassationsgerichtshof zum Ausdruck gebrachte Grundsatz wurzelt in der sogenannten "Garantenstellung", die den Koordinator belastet. Gemäß dem Gesetzesdekret 81/2008, bekannt als Einheitstext zum Arbeitsschutz, und insbesondere den in der Entscheidung genannten Artikeln 92, 150 und 151, ist der CSE Inhaber spezifischer Überwachungs- und Kontrollpflichten. Das Urteil Nr. 24617/2025 stellt klar, dass diese Überwachung nicht oberflächlich oder auf das Papier beschränkt sein darf. Der Koordinator muss aktiv handeln, um schädliche Ereignisse zu verhindern, indem er prüft, ob die theoretischen Vorgaben in der Praxis tatsächlich anwendbar und sicher sind. Dies beinhaltet:

  • Eine kritische Bewertung des POS, nicht nur hinsichtlich seiner Vollständigkeit, sondern auch hinsichtlich seiner tatsächlichen Eignung für die Bedürfnisse der Baustelle.
  • Eine Kontrolle vor Ort, um festzustellen, ob die Werkzeuge und Geräte angemessen und korrekt verwendet werden.
  • Die Überprüfung, ob kollektive und individuelle Schutzmaßnahmen für die spezifischen Arbeiten, wie z. B. Höhenarbeiten, geeignet und wirksam installiert sind.

Dieser Ansatz auferlegt dem CSE eine breitere und tiefere Verantwortung, die eine aktivere Präsenz und ein tiefes Verständnis der operativen Dynamik der Baustelle erfordert. Es geht nicht mehr nur darum, dokumentarische Mängel zu melden, sondern einzugreifen, wenn die konkreten Arbeitsweisen, auch wenn sie formal vorgesehen sind, sich als unzureichend oder gefährlich erweisen.

Praktische Auswirkungen für Unternehmen und Fachleute

Die Entscheidung des Kassationsgerichtshofs hat erhebliche Auswirkungen auf alle Beteiligten am Arbeitsschutz:

  • Für Sicherheitskoordinatoren: Das Urteil verstärkt die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Ausbildung und ständigen Aktualisierung von Sicherheitstechniken und -verfahren. Es erfordert mehr Proaktivität und eine sorgfältige Überwachung nicht nur der Dokumente, sondern vor allem der operativen Realität der Baustelle.
  • Für Unternehmen: Unternehmen müssen dem CSE alle notwendigen Informationen zur Verfügung stellen und sicherstellen, dass die bereitgestellten Werkzeuge und Schutzmaßnahmen tatsächlich geeignet und normgerecht sind, in dem Wissen, dass die Kontrolle des Koordinators substanziell und nicht nur formal sein wird.
  • Für Arbeitnehmer: Die verstärkte Aufmerksamkeit auf die konkrete Überprüfung von Sicherheitsmaßnahmen führt zu einem wirksameren Schutz ihrer Gesundheit und Unversehrtheit und reduziert das Unfallrisiko.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Urteil Nr. 24617/2025 in eine Rechtsprechungslinie passt, die darauf abzielt, die straf- und zivilrechtliche Verantwortung von Personen mit Garantenstellung zu stärken und sie zu einer konkreteren und wirksameren Unfallverhütung zu drängen, die über die bloße formale Konformität hinausgeht.

Schlussfolgerungen

Das Urteil Nr. 24617 vom 28.05.2025 des Obersten Kassationsgerichtshofs markiert einen weiteren wichtigen Schritt hin zu einer Sicherheitskultur am Arbeitsplatz, die die Substanz über die Form stellt. Der Koordinator für die Ausführung der Arbeiten kann sich nicht mit einer oberflächlichen Prüfung von Dokumenten begnügen, sondern muss die konkrete Eignung von Werkzeugen und Schutzmaßnahmen in Bezug auf die spezifischen Arbeitsweisen prüfen. Dieser mit Nachdruck bekräftigte Grundsatz stärkt die "Garantenstellung" des CSE und hebt die Notwendigkeit eines ständigen Engagements und einer aktiven Überwachung hervor, um wirklich sichere Arbeitsumgebungen zu gewährleisten. Eine klare Mahnung an alle Akteure des Sektors: Sicherheit ist eine konkrete Verpflichtung, die sich jeden Tag auf dem Feld realisiert.

Anwaltskanzlei Bianucci