Cass. civ. Nr. 9071/2024: Die Anhörung des Minderjährigen und die elterliche Verantwortung

Das jüngste Urteil des Obersten Kassationsgerichtshofs (Corte di Cassazione), Nr. 9071 vom Jahr 2024, befasst sich mit entscheidenden Themen im Zusammenhang mit der Regelung der elterlichen Rechte und der Anhörung des Minderjährigen in Sorgerechtsverfahren. Die Entscheidung liefert Denkanstöße zur Rolle der Justiz beim Schutz der Rechte von Minderjährigen und bei der Bewältigung familiärer Beziehungen in Konfliktsituationen.

Der Kontext des Urteils

Das Gericht prüfte den Fall von A.A., dem Vater der Minderjährigen B.B., der die Entscheidung des Berufungsgerichts Mailand (Corte d’Appello di Milano) anfocht, welche ihm das Recht verweigerte, an den gesundheitlichen Entscheidungen seiner Tochter teilzunehmen. Das Gericht von Varese (Tribunale di Varese) hatte bereits das alleinige Sorgerecht der Mutter festgelegt und dem Vater einen monatlichen Unterhaltsbeitrag für die Minderjährige auferlegt. Die zentrale Frage konzentrierte sich auf die unterlassene Anhörung des Minderjährigen, ein Recht, das in Art. 336-bis Zivilgesetzbuch (c.c.) verankert ist.

Das Gericht bekräftigte, dass die Anhörung des Minderjährigen keine bloße bürokratische Formalität ist, sondern ein Grundrecht, das im Einklang mit seinem übergeordneten Interesse gewährleistet werden muss.

Das Recht auf Anhörung und die Bigenitorialität

Eine der relevantesten Fragen, die sich aus dem Urteil ergaben, ist das Prinzip des Rechts auf Bigenitorialität (doppelte Elternschaft), das eine aktive Präsenz beider Elternteile im Leben des Minderjährigen impliziert. Das Gericht bestätigte, dass die Anhörung der Minderjährigen, die bereits zwölf Jahre alt war, stattfinden muss, wenn dies nicht ihrem übergeordneten Interesse widerspricht. In diesem Fall hielt das Gericht die unterlassene Anhörung angesichts ihrer Gesundheitszustand und der Beziehung zum Vater für gerechtfertigt.

  • Bedeutung der Anhörung des Minderjährigen in Gerichtsverfahren.
  • Bewertung der elterlichen Fähigkeiten und der Aufrichtigkeit der Ablehnungen des Minderjährigen.
  • Größte Aufmerksamkeit für das übergeordnete Interesse des Minderjährigen.

Schlussfolgerungen

Das Urteil Nr. 9071/2024 des Obersten Kassationsgerichtshofs stellt einen wichtigen Schritt zum Schutz der Rechte von Minderjährigen dar und unterstreicht die Bedeutung eines Ansatzes, der nicht nur die Rechte der Eltern, sondern auch das Wohlergehen und die Stimme der Kinder berücksichtigt. Die Anhörung des Minderjährigen muss mit Sorgfalt und Verantwortung erfolgen, wobei stets sein emotionaler und relationaler Zustand berücksichtigt werden muss. Die Bigenitorialität als Grundrecht muss in all ihren Facetten gewährleistet werden, um gesunde und stabile affektive Beziehungen zwischen dem Minderjährigen und beiden Elternteilen zu sichern.

Anwaltskanzlei Bianucci